Freitag, 16. April 2010 15:09 Uhr
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Wiesbadener Tagblatt

Lokale Kultur 

Die Mutter der Nackten

16.04.2010 - WIESBADEN

Von Birgitta Lamparth

AUSSTELLUNG Theresia Hebenstreit zeigt zu ihrem 60. Geburtstag die Ausstellung "Sechz-ich"

Eigentlich, sagt Theresia Hebenstreit, und schenkt nochmal nach, eigentlich seien Teekannen ja schon per se "sprechende Gefäße". Was lag da näher als daraus einen voluminösen Frauenkörper zu entwickeln? Die Wiesbadener Künstlerin tat es - und schuf damit ihr Markenzeichen: Seit 1996 entstehen ihre lebenslustigen Dicken in einer unglaublichen Vielfalt und machen nicht nur ihrer Schöpferin nach wie vor Spaß. Am kommenden Mittwoch, 21. April, feiert sie ihren 60. Geburtstag.

Und dazu gibt es ab diesem Samstag in ihrem wunderschönen Atelier in der Dotzheimer Ziegelhüttenstraße 2a die Ausstellung "Sechz-ich". Die Zahl ist Programm: Aus ihren sicher gut 500 Stücken hat Theresia Hebenstreit 60 ausgewählt, mit denen sie ihre Besucher auf eine kleine Zeitreise schickt. Das reicht von der frühesten Arbeit, einer Sonnenblumen-Tuschezeichnung, die als 16-Jährige entstand und an der man schon ganz genau das Talent ablesen kann, bis hin zu einem ganz neuen Werk: Dem Gemälde eines großen Frauenkopfs, der madonnenhafte Züge trägt. Ihr Vater, der damalige Direktor der Landesbibliothek und begeisterte Hobbykeramiker, hatte der in Wiesbaden geborenen Künstlerin vor 30 Jahren mal ein Buch über Skulpturen des Mittelalters geschenkt - sie inspirieren jetzt zu den neuen Arbeiten, die im kommenden Jahr im Frauenmuseum gezeigt werden sollen. Eine Art weitere Madonnenarbeit - eine Szene mit der Künstlerin und ihrer Tochter - wurde von beiden gemeinsam Zug um Zug und unter Verzicht auf Erhalt des bisher geschaffenen gestaltet. Ein Vorgang, den Theresia Hebenstreit oft mit befreundeten Künstlern praktiziert: "Dadurch, dass man immer wieder neu überarbeitet, wird man immer freier."

Den meisten freilich ist Theresia Hebenstreit eher als Keramikerin ein Begriff. Schon früh, sicher auch durch das Vorbild ihres Vaters, spezialisierte sie sich auf der FH Wiesbaden bei Margot Münster auf diesen Bereich. 1983 richtete sie sich in der Scheffelstraße die erste Werkstatt ein, 1999 dann in dem früheren Milchladen mit Stall in Dotzheim.

Und hier bilden auch jetzt diese Werke den Schwerpunkt der sehenswerten Schau. Und immer wieder Frauen: Waren sie anfangs noch "bekleidet", ließen sie spätestens ab 1999 die Hüllen fallen. Und das gleich zu hunderten: Mit ihrem der Terrakotta-Armee entgegengesetzten Projekt "1001 nackt" ging Theresia Hebenstreit auf Reisen. Höchst selbstbewusst präsentieren sich diese Nackten: Mit geradem Rücken, die Arme verschränkt, in sicherem Stand. Es gibt eine neue, die wie eine Art "Hänsin-guck-in-die-Luft", voranmarschiert - auch mal zweigeteilt in die Wand hinein und daraus kommend "Ab durch die Mitte" heißt sie treffend. Ein schönes Motto für die neue Lebensphase ihrer Schöpferin, die von ihren Nackten gut ernährt wird: "Ich lasse meine Mädels für mich arbeiten."

Ganz neue Töne: Theresia Hebenstreit mit aktueller Malerei, den seriellen Nackten und der Keramik "Ab durch die Mitte".Foto: wita/Paul Müller